DGIHV-Fachtagung in Salzburg diskutiert Versorgungssysteme, Fachkräfte und Krisenvorsorge
- Hilfsmittelversorgung ermöglicht Mobilität, Rehabilitation und ambulante Behandlung – wird gesundheitspolitisch jedoch häufig unterschätzt.
- Vergleich der Systeme in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt unterschiedliche Strukturen, aber ähnliche Herausforderungen.
- Krisenszenarien verdeutlichen die zentrale Rolle von Rehabilitation, Orthopädie-Technik und interprofessioneller Zusammenarbeit.
Hilfsmittelversorgung ist ein zentraler Baustein moderner Gesundheitsversorgung – etwa für Mobilität, Rehabilitation und die zunehmende Ambulantisierung medizinischer Leistungen. Gleichzeitig steht dieser Versorgungsbereich im gesundheitspolitischen Diskurs häufig weniger im Fokus als andere Teile des Systems. Unter dem Motto „Versorgung verbindet?! – Interprofessioneller Austausch zur Hilfsmittelversorgung in D-A-CH“ diskutierten Experten auf der 9. Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für interprofessionelle Hilfsmittelversorgung (DGIHV) in Salzburg über Strukturen, Herausforderungen und Perspektiven der Versorgung im deutschsprachigen Raum.
„Die Systeme sind vielleicht verschieden, doch der Antrieb ist der gleiche: Wir wollen den Patienten durch eine qualitative Hilfsmittelversorgung ihre Lebensqualität sichern“, sagte DGIHV-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Wolfram Mittelmeier.
Versorgungssysteme im Vergleich
Ein Schwerpunkt der Tagung lag auf dem Vergleich der Hilfsmittelversorgung in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Für Deutschland nahmen Prof. Dr. Wolfram Mittelmeier, Klinikdirektor der Orthopädischen Klinik und Poliklinik in Rostock, und Alf Reuter, Präsident des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik (BIV-OT), eine Standortbestimmung der Versorgung vor. Sie ordneten die Rolle der Hilfsmittelversorgung im deutschen Gesundheitssystem ein und zeigten aktuelle strukturelle Herausforderungen auf. Das Kernproblem sei häufig nicht fehlende fachliche Expertise. Es sei die unzureichende organisatorische Übersetzung in verlässliche Prozesse, klare Zuständigkeiten und wirksame Übergänge.
„Alle reden von Zusammenarbeit“, erklärte Mittelmeier. „In der Praxis verhindern Zuständigkeitslogiken, Dokumentationsanforderungen und Vergütungsgrenzen oft genau diese Kooperation.“
Priv.-Doz. Dr. Franz Landauer, Orthopädietechnikermeister und Facharzt für Orthopädie sowie Konsulent beim Dachverband der Sozialversicherungsträger, erläuterte die aktuellen strukturellen Veränderungen der Hilfsmittelversorgung in Österreich und machte dabei Unterschiede zum deutschen System sichtbar. So bleibe beispielsweise die fehlenden Aufzahlungsmöglichkeiten für Hilfsmittel ein in Österreich viel diskutiertes Thema. Für die Weiterentwicklung der Versorgung seien stärkere Harmonisierung und evidenzbasierte Standards entscheidende Voraussetzungen.
Die rechtlichen Rahmenbedingungen der Hilfsmittelversorgung in Österreich erläuterte Prof. Dr. Wolfgang Mazal, emeritierter Professor für Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Wien. Dabei ging er auf die gesetzlichen Versorgungs- und Erstattungsansprüche für Hilfsmittel im österreichischen Gesundheitssystem ein.
Einblicke in die Schweizer Versorgung gab Sergio Stefanelli, Leiter der Technischen Orthopädie und Mitglied der Geschäftsführung der Balgrist Tec AG. In der Schweiz herrsche für die Hilfsmittelversorgung ein stark reguliertes System vor mit einer klaren Tarifstruktur und hohen Qualitätsanforderungen. Stefanelli betonte in seinem Vortrag, dass die qualitativ hochwertige Hilfsmittelversorgung in der Schweiz maßgeblich von einer strukturierten und wertschätzenden Zusammenarbeit zwischen Medizin, Orthopädie-Technik und weiteren Berufsgruppen lebe.
Fachkräfte als zentrale Herausforderung
Neben den Versorgungsstrukturen rückte auch der zunehmende Fachkräftemangel in der Hilfsmittelversorgung in den Fokus der Diskussion – eine zentrale Voraussetzung für die langfristige Sicherung der Versorgung.
Vanessa Eick, Leiterin der Bundesfachschule für Orthopädie-Technik (BUFA) in Dortmund, stellte die Rolle von Gemeinnützigkeit und ethischen Leitprinzipien in der Ausbildung heraus. Am Beispiel der Bundesfachschule zeigte sie, wie unabhängige, gemeinwohlorientierte Lehre zur Qualifizierung von Fachkräften in der Hilfsmittelversorgung beiträgt. Die BUFA sorge für den Wissenstransfer mit Aus- und Fort- und Weiterbildungsangeboten für die rund 48.000 Beschäftigten der orthopädietechnischen Betriebe und Sanitätshäuser in Deutschland und trage damit wesentlich zur Qualitätssicherung der Hilfsmittelversorgung in Deutschland bei.
Olaf Gawron, Geschäftsführer der EproTec GmbH und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DGIHV, machte deutlich, dass die Zukunft der Hilfsmittelversorgung maßgeblich von Fachkompetenz, strukturierten und digital unterstützten Versorgungsprozessen sowie einer systematischen Weitergabe von Erfahrungswissen abhängt. Angesichts von Fachkräftemangel und steigendem Kostendruck seien effizientere, teilweise automatisierte Abläufe und neue Formen der Wissensvermittlung erforderlich, um die Versorgungsqualität langfristig zu sichern.
Bedeutung für Krisenszenarien
Ein weiterer Schwerpunkt der Tagung lag auf der Rolle der Hilfsmittelversorgung in Krisen- und Kriegsszenarien.
Der Vortrag von Prof. Dr. Bernhard Greitemann – vertreten durch Prof. Dr. Christoph Schulze – machte deutlich, dass moderne Konflikte zunehmend zu komplexen Verletzungsmustern führen, die langfristige Rehabilitation und orthopädietechnische Hilfsmittel erforderlich machen. Deutschland werde Hauptnachschublinie, Logistikzentrum und Zentrum der medizinischen Versorgungen, wenn etwa Polen und das Baltikum zu einem Hauptkampfgebiet würde. Voraussetzung dafür seien aber ausreichende Kapazitäten in Akutmedizin, Rehabilitation, Industrie und Orthopädie-Technik sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen militärischem und zivilem Gesundheitswesen. „Diese Voraussetzungen sind heute nicht gegeben”, betonte Greitemann.
Brigadier Dr. Andreas Kaltenbacher, Abteilungsleiter der Abteilung Militärisches Gesundheitswesen und stellvertretender Heeressanitätschef im österreichischen Bundesministerium für Landesverteidigung (BMLV), ordnete aktuelle Entwicklungen aus militärmedizinischer Perspektive ein und erläuterte die daraus entstehenden Herausforderungen für die D-A-CH-Region. Der Brigadier sieht Österreich nicht primär als Frontstaat, solle es zum Kriegsfall in anderen Teilen Europas kommen. Dennoch stehe Österreich in einem solchen Fall vor der Herausforderung, Verletzte aus anderen Ländern medizinisch zu versorgen, was zu einer Systemüberlastung führen könnte. Das gelte für die Erstversorgung bis hin zur Behandlung von Spätfolgen in der Rehabilitation.
Mit Blick auf die Rehabilitation befasste sich Prof. Dr. Christoph Schulze mit der Frage, inwieweit die Versorgung von Betroffenen im Krisenfall in Deutschland und Österreich sichergestellt werden kann. Sein Fazit: Die rehabilitative Versorgung wäre grundsätzlich kapazitativ möglich, erfordert jedoch eine klar definierte Strategie und koordinierte Vorbereitung.
Austausch als Impuls für die Versorgung
Die Beiträge der Fachtagung zeigten, dass Hilfsmittelversorgung eine Schlüsselrolle für Rehabilitation, ambulante Versorgung und die Resilienz der Gesundheitssysteme spielt. Gleichzeitig wurde deutlich, dass ihre Leistungsfähigkeit von funktionierenden Versorgungsstrukturen, qualifizierten Fachkräften und enger interprofessioneller Zusammenarbeit abhängt.
„Der Austausch im D-A-CH-Raum hat gezeigt, dass wir viele Herausforderungen teilen – von der Fachkräfteentwicklung bis zur Vorbereitung auf Krisenszenarien“, resümierte Mittelmeier. „Gerade deshalb ist der länderübergreifende Dialog wichtig, um die Hilfsmittelversorgung gemeinsam weiterzuentwickeln.“

